Ein Spieler, der im 11-gegen-11 brav das Naheliegende macht, wird im 5-gegen-5 plötzlich zum Dribbler, der ungewohnte Lösungen findet. Kein Zufall, sondern ein direkter Effekt der Trainingsgestaltung. Eine systematische Übersichtsarbeit zeigt, welcher Hebel für Kreativität im Fußballtraining tatsächlich zählt – und warum die Spielform dabei eine größere Rolle spielt, als viele Trainer annehmen.
Was bedeutet Kreativität im Fußballtraining überhaupt?
Kreativität lässt sich im Fußball nicht an einer einzigen Aktion festmachen. Die Forschung misst sie stattdessen über drei Konstrukte:
- Fluency (Flüssigkeit): Wie viele Lösungen ein Spieler für eine Spielsituation generiert
- Flexibilität: Wie viele unterschiedliche Lösungskategorien dabei entstehen
- Originalität: Wie selten und gleichzeitig passend eine Lösung ist
Diese drei Dimensionen bilden die Grundlage für ein aktuelles systematisches Review, das genauer untersucht hat, wie sich die Gestaltung von Small-Sided Games (kleinen Spielformen) auf kreative Aktionen im Fußball auswirkt.
Die Studie: Was wurde untersucht?
Die 2023 in Frontiers in Psychology veröffentlichte Übersichtsarbeit von Ueda und Kollegen wertet fünf Studien mit insgesamt 134 Spielern aus – vom Nachwuchsbereich (U12) bis zum Profifußball, mit Quellstudien aus Spanien, Portugal und den Niederlanden. Die zentrale Frage: Hängt die Spielform, insbesondere die Spieleranzahl, mit kreativen Aktionen im Training zusammen?
Befund 1: Kleine Spielformen schlagen das 11-gegen-11 in jedem Kreativitäts-Maß
Im direkten Vergleich zum klassischen 11-gegen-11 waren kleine Spielformen durchgängig mit folgenden Effekten verbunden:
- mehr Aktionen pro Spieler
- höherer Variabilität der eingesetzten Lösungen
- mehr originellen, kreativen Aktionen
Kleine Spielformen erhöhen also nicht nur die Anzahl der Ballkontakte, sondern verändern messbar, wie kreativ Spieler mit Spielsituationen umgehen.
Befund 2: Je kleiner das Format, desto mehr Kreativität – bis zu einem Punkt
Besonders aufschlussreich ist eine der eingeschlossenen Studien (Caso & van der Kamp, 2020), durchgeführt an Profispielern eines europäischen Topklubs. Das Ergebnis zeigt einen klaren Zusammenhang zwischen Formatgröße und kreativen Aktionen:
5 gegen 5 – Höchster Wert
6 gegen 6 – Zweithöchster Wert
7 gegen 7 – Deutlicher Rückgang
11 gegen 11 – Keine einzige kreative Aktion
Der Effekt skaliert also direkt mit der Formatgröße – und im klassischen 11-gegen-11 trat im Beobachtungszeitraum keine einzige kreative Aktion auf.
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Befund 3: Unterzahl als Auslöser für mehr Exploration
Neben der reinen Formatgröße zeigt die Studie einen weiteren Hebel: numerische Unterzahl. Situationen wie 4 gegen 5 oder 4 gegen 6 waren mit erhöhtem Explorationsverhalten verbunden – besonders beim unterlegenen Team. Die Logik dahinter: Mit weniger Mitspielern muss der einzelne Spieler mehr eigene Lösungswege ausprobieren, weil weniger kollektive Optionen zur Verfügung stehen.
Befund 4: Ungewohnte Torpositionen verändern das taktische Verhalten
Auch die Positionierung der Tore spielt eine Rolle. Diagonal versetzte Torpositionen veränderten in den eingeschlossenen Studien messbar das taktische Verhalten der Spieler. Die Autoren diskutieren dies als mögliches Element, das Originalität begünstigen kann – weil gewohnte Lösungswege nicht mehr eins zu eins funktionieren.
Der Twist: Ungewohnte Bälle senken Kreativität – zunächst
Ein Befund relativiert das insgesamt positive Bild: Ungewohnte Balltypen wie Rugby- oder Handbälle senkten die gemessenen Kreativitätswerte akut. Die plausibelste Erklärung: Ein neuer Balltyp bindet beim ersten Einsatz zunächst kognitive Ressourcen, die dann für kreative Lösungen fehlen.
Wichtig für die Einordnung: Dieser Effekt wurde nur akut gemessen, also beim erstmaligen Einsatz. Längerfristige Trainingsprogramme mit Ball-Variation zeigten in anderen Studien (Coutinho et al., 2018; Santos et al., 2018) dagegen Verbesserungen kreativer Komponenten. Gewöhnung scheint also entscheidend zu sein.
Grenzen der Studie
Bei aller Klarheit der Befunde gilt es, die Studie realistisch einzuordnen:
- Es wurden nur fünf Studien mit heterogenen Messmethoden eingeschlossen
- Alle Studien sind querschnittlich-korrelativer Natur – eine Kausalaussage ist damit nicht möglich
- Langzeiteffekte kleiner Spielformen auf Kreativität sind bislang nicht belegt
Das Review liefert dennoch ein konsistentes Muster: In kleinen Spielformen entstehen deutlich mehr kreative Momente als im 11-gegen-11.
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Was das für dein Training bedeutet
Die Trainingsgestaltung ist ein Hebel, den du als Trainer direkt nutzen kannst, um Kreativität im Fußballtraining gezielt zu fördern:
- Setze auf kleine Formate. 4 gegen 4 und 5 gegen 5 zeigten die höchsten Kreativitätswerte.
- Baue gezielt Unterzahlsituationen ein. Zum Beispiel 4 gegen 5 – das erhöht besonders beim unterlegenen Team die Exploration.
- Versetze die Tore. Diagonale statt frontale Torpositionen können Originalität begünstigen.
- Variiere Balltypen bewusst. Anfangs ungewohnt und kreativitätssenkend, aber mit regelmäßigem Einsatz zeigt sich der gegenteilige Effekt.
Nur was oft ausgeführt wird, kann sich auch entwickeln. Deine Spielform entscheidet mit, wie viele kreative Momente deine Spieler überhaupt bekommen.
Fazit
Kreativität im Fußballtraining entsteht nicht durch Zufall, sondern durch die Trainingsumgebung, die du als Trainer aktiv gestaltest. Die Formatgröße ist dabei einer der stärksten Hebel: Kleine Spielformen wie 4 gegen 4 oder 5 gegen 5 schaffen nachweislich mehr kreative Momente als das klassische 11-gegen-11 – kombiniert mit gezielter Unterzahl, versetzten Toren und variierten Balltypen lässt sich dieser Effekt weiter verstärken.
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Quelle:
Ueda, L. S. C., Milistetd, M., Praça, G. M., da Maia, G. S. G., da Silva, J. F., & Borges, P. H. (2023). Impact of the number of players on the emergence of creative movements in small-sided soccer games: A systematic review emphasizing deliberate practice. Frontiers in Psychology, 14, 1253654. https://doi.org/10.3389/fpsyg.2023.1253654
